Creditionen im Religionsunterricht
Unser Glaube
Glaube verbindet und Glaube spaltet. In unserer Kultur sind wir gewohnt, uns zuerst an der Inhaltsfrage zu orientieren: Was glaubt jemand? Das Festhalten an bestimmten religiösen oder nicht-religiösen Glaubensvorstellungen (Rolle der Frauen in der Kirche, Impfen, Migration, Nachhaltigkeit usw.) verbindet und grenzt gleichzeitig aus. Woran wir glauben, hat enormen Einfluss darauf, wie wir uns in der Welt verhalten und wie wir handeln. Auch ein christlicher Glaube ist weltgestaltend. Doch die Sache mit dem Glauben ist komplizierter, als man vielleicht erwartet.
Ein ganz neuer wissenschaftlicher Zugang zum Glauben
In den letzten Jahren hat die Wissenschaft begonnen, einen ganz neuen Blick auf das Glaubensphänomen zu werfen. Ins Zentrum rückt die Frage: Was läuft in uns ab, während wir glauben? Es geht dabei um die Struktur körperlich-mentaler Prozesse, also zum Beispiel um Emotionen, Wahrnehmung, Handeln oder innere Stabilität. Diese Vorgänge werden in der Wissenschaft als Creditionen (lat. credere = glauben) bezeichnet. Seit über einem Jahrzehnt wird im weltweiten Netzwerk des Credition Research Project daran gearbeitet, die innere Struktur von Glaubensprozessen zu erforschen.
Das wichtigste Ergebnis …
Glaubensvorgänge sind eine Funktion unseres Gehirns:
Credition is rooted in brain function.
… und seine doppelte Konsequenz
- Wir können nicht “nicht glauben”.
- Glaubensvorgänge sind nicht auf die Sphäre des Religiösen beschränkt.
Die Fähigkeit zu glauben (capability of believing) ist eine anthropologische Grundausstattung. Von ihr machen wir in den verschiedensten Alltagssituationen tagtäglich unzählige Male Gebrauch: Creditionen sind maßgeblich an Bewertung, Entscheidungsfindung und Handlungsplanung beteiligt.
Kann der Religionsunterricht von Kenntnissen über Creditionen profitieren?
Ja, das kann er. Es gibt Modelle zum Ablauf von Glaubensvorgängen, die im Unterricht verwendet werden können.
Die Creditionenforschung hat zwei unterschiedliche Modelle entwickelt. Beide erlauben, Glaubensinhalte als Ergebnisse innerer Vorgänge darzustellen.
Das neurale Creditionen-Modell kann man im Biologieunterricht behandeln. Dabei ist auch ein fächerübergreifender Unterricht denkbar. Für den religionspädagogischen Zugang zur Creditionenthematik sind mögliche Einstiegsbarrieren identifiziert. Sie lassen sich überwinden.
Im Religionsunterricht kann vor allem das Kommunikationsmodel Credition eingesetzt werden. Mit seiner Hilfe lassen sich sowohl die indiduellen Veränderungen als auch die je aktuellen Glaubensergebnisse kommunikativ ins Gespräch bringen. So lässt sich z.B. visualisieren, welche inneren Parameter zur Entstehung des aktuellen Glaubens von Individuen geführt haben. Selbst gegensätzliche Glaubensauffassungen können nun in ihrer prozessualen Entstehung ins Gespräch gebracht werden. Dies kann besonders dann hilfreich sein, wenn man es mit Schüler:innen unterschiedlicher Religionen zu tun hat. Woran wir glauben, hat eine je eigene und unverwechselbare biographische Geschichte. Aus christlicher Sicht ist dies die je individuelle Geschichte Gottes mit einem seiner Geschöpfe.
Für das Reden über Glauben ist es hilfreich, wenn Lehrer:innen und Schüler:innen das Kommunikationsmodel Credition kennen. Seine Verwendung erlaubt zumindest, “subjektive und innere Gegebenheiten von Schüler:innen und Lehrer:innen formalisiert (das heißt in nicht überwältigender oder vereinnahmender Weise) zur Sprache zu bringen. Damit ist eine Voraussetzung geschaffen, deren je persönlichen Erfahrungen kommunikativ in wertschätzender Weise verarbeiten zu können” [Angel 2023].
.
Hans-Ferdinand Angel
Schüler:innen empfinden im schulischen Religionsunterricht das Thema “Glaube” meist nicht sonderlich attraktiv. Christliche Glaubensinhalte, ihre Geschichte und ihre aktuelle Bedeutung sind für viele der heutigen Jugendlichen Fremdkörper, die mit ihrer eigenen Lebenswelt und ihrer Alltagskommunikation kaum etwas zu tun haben. Kann das Interesse am Thema “glauben” geweckt werden, wenn sie erfahren, dass Glaubensvorgänge auf biologischen Grundlagen beruhen – und wenn sie diese kennenlernen? Ist es für sie interessant zu erfahren, dass man gar nicht “nicht glauben” kann? Bekommen sie eventuell einen erweiterten Blick auf ihre Mitschüler:innen und die Gesellschaft, in der sie leben? Womöglich lässt sich auf der Basis eines Wissens über Creditionen sogar verständlich machen, welche Rolle Glaubensvorgänge für gesellschaftliche Polarisierungen oder innerkirchliche Kontroversen spielen.
Um solchen Fragen nachgehen zu können, machte das Sächsische Landesamt für Schule und Bildung ein innovatives Weiterbildungsangebot. Es wurde eine erfolgreiche Pionierveranstaltung.
Franziska Mellentin
Lehrerin für Kath. Religion und Deutsch in Dresden und Referentin für Religionspädagogik in der Hauptabteilung Schule und Hochschulen im Bistum Dresden-Meißen
Der Erstkontakt mit der Creditionen-Thematik während einer Weiterbildungsveranstaltung des Landesamtes für Schule und Bildung Sachsen war zunächst irritierend. Doch im Nachhinein scheinen die Einsichten fast selbstverständlich: Es müssen in den Menschen innere Vorgänge ablaufen, damit sie zu einem Glauben kommen. Damit diese Vorgänge ablaufen können, muss eine biologische Fähigkeit hierzu angelegt sein. Diese ermöglicht es, dass Menschen glauben können. Dies gilt auch in religiöser Hinsicht, also dann, wenn Menschen ihren individuellen religiösen Glauben entwickeln. Wissen über die psycho-biologischen Zusammenhänge menschlicher Glaubensfähigkeit könnte methodisch genutzt werden, um Schülerinnen und Schüler darin zu unterstützen, mit ihrer eigenen Glaubensfähigkeit positiv umzugehen. Ich sehe auch die Möglichkeit, mit diesem Ansatz eine vorurteils-freie Auseinandersetzung mit Religion und Glauben zu fördern, insbesondere für Schülerinnen und Schüler ohne religiöse Sozialisation. Dem Thema „Credition“ mit Blick auf den RU nachzugehen und an einer didaktischen Weiterentwicklung des Credition-Kommunikationsmodells [schematische Darstellung des Modells] zu arbeiten, hat großes Potential - v.a. in stark säkulär geprägten Regionen wie in unserer. Und es bietet Chancen als Gegenstand für fächerübergreifenden Unterricht.
Zukunftsperspektiven?
Eine gemeinsame Basis für das Gespräch zwischen "Gläubigen" und "Nicht-Gläubigen"
Erweiterte Kommunikationsfähigkeit
Wie sprechen wir mit unseren Nachbar:innen, Kolleg:innen, Schüler:innen, Partner:innen, die sich als nicht gläubig bezeichnen? Diese Frage mag eine gängige Herausforderung für religiös geprägte Menschen sein. Aus Sicht der Creditionenforschung ist die Unterscheidung zwischen “gläubig” und “nicht-gläubig” allerdings mehr irreführend als hilfreich. Wir können nicht “nicht glauben”. Das, worin sich Individuen, Religionen oder Gesellschaften unterscheiden - das ist ein Ergebnis. Dieses ist subjektiv und individuell. Hervorgebracht wird es durch Creditionen, also durch jene inneren Vorgänge, auf denen unsere Glaubensfähigkeit beruht.
Man muss also auseinanderhalten: Es gibt zum einen innere Prozesse, zum anderen gibt es nach außen kommunizierbare Ergebnisse, die in diesen Prozessen generiert wurden.
Die Prozesse sind hochgradig emotional und verlaufen weitgehend subliminal - d.h: sie sind dem Bewusstsein nicht zugänglich.
Die Ergebnisse zeigen sich im dem, was wir glauben oder daran, woran wir glauben. Sie sind ebenfalls emotional gefärbt und beeinflussen nachhaltig unser Handeln und unser Verhalten.
Verbindendes und Trennendes
Die Creditionforschung kann also einen wichtigen gesellschaftlichen Perspektivenwechsel in Spiel bringen:
- Das, was uns alle verbindet, ist unsere “Fähigkeit zu glauben”. Dies ist die anthropologische Aussattung eines jeden Menschen. Sie ist eine gemeinsame Basis der gesamten Menschheitsfamilie.
- Das, was uns trennen - und gegeneinander aufbringen - kann, sind die Ergebnisse, die wir je individuell mithilfe unserer Glaubensfähigkeit produzieren.
Das Wissen um Creditionen kann dazu beitragen, in unserer Zeit über christlichen Glauben zu reden, aber auch über den Glauben anderer Religionen. Im Religionsunterricht kann man den Denkansatz von Creditionen kennenlernen und Schüler:innen die Möglichkeit bieten, sich mithilfe des Kommunikationsmodells über ihren Glauben auszutauschen. Das ermöglicht auch einen Austausch über Gemeinsamkeiten und Grenzen von Glaubensgemeinschaften - sei es mit einer innerkonfessionellen, einer ökumenischen oder einer interreligiösen Perspektive.
Stimmen von Teilnehmer:innen
Dieser Teil der Website ist im Aufbau