Tischgespräche: eine lange Tradition
Beim Stichwort Tischgespräche werden vielleicht manche an die berühmten Tischreden von Martin Luther denken. Das ist beabsichtigt. Bei diesen Tischreden in Wittenberg wurde intensiv diskutiert, gestritten, gelacht – und immer wieder kam es zu überraschenden Wendungen. Wir kennen uns lange und haben in unserer professionellen Tätigkeit viele Projekte miteinander getragen. Deswegen hatten wir auch gar nicht vor, uns zu streiten. Doch die Tischreden wurden ein Impuls. In intensivem Austausch begannen wir, die Bedeutung der Creditionenforschung für die Theologie und das christliche Selbstverständnis zu diskutieren. Uns beiden war und ist die ökumenische Dimension des Christseins wichtig. Besonders intensiv haben wir bei den großen Konsultationen des sogenannten Grazer Prozesses zusammengearbeitet. Als Gemeinschaftsarbeit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz sowie in enger Kooperation mit den in Graz beheimateten Kirchen unterschiedlicher christlicher Traditionen wurden in diesen Konsultationen zentrale Themen des christlichen Selbstverständnisses erörtert - auf der Suche nach der Einheit der Kirchen. Wir begannen unsere Tischgespräche auch in der Hoffnung, dass die Kenntnis von Creditionen nicht zuletzt für das ökumenische Gespräch hilfreich sein kann. Unsere je konfessionellen Vorstellungen sind ja auch Ergebnis von Creditionen --- derjenigen, die in unserern Vorfahren abliefen, und derjenigen, die in uns und unseren Zeitgenossen wirksam sind
Hermann Miklas
Hermann Miklas, geboren (1953) und aufgewachsen in Graz, Studium der evangelischen Theologie in Wuppertal, Heidelberg und Wien. Pfarrer in Voitsberg und Wien-Innere Stadt, von 1999 bis 2018 Superintendent der Evangelischen Superintendenz Steiermark, davon 12 Jahre auch Vorsitzender des Ökumenischen Forums christlicher Kirchen in der Steiermark. Lebt seit 2018 in Wien und ist als freier Unternehmensberater und Schriftsteller tätig. Verheiratet mit Dr. Helene Miklas.
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Hans-Ferdinand Angel
Geboren 1955 in Ottobeuren. 1976 Studium Latein, Theologie und Geschichte in Regensburg und Paris. 1996 Professur für Religionspädagogik an der TU Dresden. 1997 Professur für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. 2007 - 2013 Dekan. 2011 Etablierung des Credition Research Project an der Karl-Franzens Universität Graz. Ab 2018, als Folge der Beteiligung der Technischen Universität Graz und der Medizinischen Universität Graz, Positionierung des Universitätsstandorts Graz als Headquarter des Forschungsprojekts. 2023 Mitglied der Lancet Commission for Neurorehabilitation.
GESPRÄCHSRUNDE 1 - Annäherung
HM: Lieber Hans-Ferdinand, wie schön, dass wir einander nach längerer Zeit wieder einmal treffen! Und nun muss ich Dir bei dieser Gelegenheit auch gleich eine Frage stellen. Denn neulich ist mir Dein Name wieder einmal ins Auge gesprungen. Zufällig bin ich nämlich auf Eure Forschungswebsite zum Thema Credition gestoßen. Bis dahin ist mir das Wort Credition noch nie begegnet. Aber nachdem ich mich ein wenig auf der Website umgeschaut hatte, bekam ich den Eindruck, dass mit dem Wort offensichtlich auf ein Forschungsgebiet hingewiesen wird, an dem ein ziemlich weit verzweigtes Netzwerk an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beteiligt ist. Und da ich weiß, dass Du Theologe bist, war es nicht allzu schwer zu erraten, dass das Wort Credition an credo erinnert - das lateinische Wort für ich glaube. Liege ich damit richtig?
HFA: Lieber Hermann, es freut mich ebenfalls, wieder mit Dir in Kontakt zu kommen! Und um auf Deine Frage einzugehen: Ja, Deine Assoziation ist absolut zutreffend. Der Ausdruck soll tatsächlich an glauben erinnern. Und es ist auch richtig, dass die Forschungen hierzu in einem globalen Kontext ablaufen, mit Beteiligten aus Europa, Amerika, Asien, Australien und Afrika.
HM: Ist dieser internationale Bezug womöglich der Grund, weshalb Ihr auf eine lateinische Formulierung zurückgreift? Die man, wenn man möchte, auch Englisch aussprechen kann: credition? Warum belasst ihr es sonst nicht einfach beim deutschen Wort glauben? Ich finde es manchmal etwas irritierend, wenn Wissenschaft allzu gelehrt daherkommt, sodass Außenstehende eigentlich nicht viel damit anfangen können.
HFA: Da hast Du völlig Recht. Die Frage wird mir immer wieder gestellt. Gerade in unseren Zeiten, in der offensichtlich viele Menschen der Wissenschaft skeptisch gegenüberstehen, ist es sicher nicht besonders hilfreich, ein Fremdwort ins Spiel zu bringen, das keiner kennt.
HM: Na ja, theologisch wenig versierte Menschen denken bei Credition wahrscheinlich zuerst an Kredit (in Österreich insbesondere an die berühmte CA: Creditanstalt Bankverein). Das hatte im weitesten Sinn zwar ursprünglich ebenfalls etwas mit gutem Glauben und Vertrauen zu tun, gehört aber doch in eine ganz andere Liga. Und da ich ja selbst auch Theologe bin, ist bei mir natürlich trotzdem sofort die Verbindung zum Credo aufgeblitzt, deshalb bin ich überhaupt bei Eurer Seite hängen geblieben. Ansonsten hätte ich die Seite wohl gleich wieder verlassen.
HFA: Ja, das kann ich alles gut nachvollziehen. Letztlich kann ich aber erst am Ende unserer Gesprächsrunden einsichtig machen, warum wir einen neuen Ausdruck prägen mussten. Der Ausdruck Credition bezeichnet nämlich etwas, was es bislang „nicht gab“ – bzw. wie es präzise heißen müsste: etwas, das von der Wissenschaft noch nicht entdeckt war, und für das es deswegen auch überhaupt keine Vorstellung und keinen Anknüpfungspunkt im Alltag gab.
Auf wissenschaftlicher Ebene hat sich dies mittlerweile geändert. Immerhin gibt es unsere Forschungen schon seit rund 20 Jahren. Heute ist der Ausdruck Credition in den internationalen wissenschaftlichen Debatten präsent. Allerdings ist der Begriff in der breiten Öffentlichkeit bisher wenig bekannt. Das mag auch daran liegen, dass unsere Forschungen fast ausschließlich auf Englisch publiziert wurden. Sonst hätten wir keine Chance gehabt, von hochrangigen internationalen Journals akzeptiert zu werden. Für ein Bekanntwerden im deutschen Sprachraum ist das natürlich keine ideale Voraussetzung.
HM: Da ist also noch Luft nach oben, was den Bekanntheitsgrad betrifft. Aber das gelingt vielleicht dadurch, dass Ihr wirklich spannende Forschungsergebnisse vorzuweisen habt. Und dann wird es auf eine gute Vermittlung ankommen, damit die Öffentlichkeit auch tatsächlich hellhörig wird. – Allerdings weiß ich jetzt immer noch nicht, warum ihr absichtlich ein neues Wort erfunden habt, um damit Eure Forschung zu charakterisieren. Das würde mich nun schon noch interessieren.
HFA: Da ich erst später, wenn einmal klarer ist, worum es sich bei Credition handelt, genauer begründen kann, warum wir diesen Ausdruck „erfinden“ mussten, fange ich etwas anders an und muss Dir dazu etwas erzählen. Als wir vor rund 20 Jahren mit unserer Forschung begonnen haben, wollte ich wissen, woran die Leute denken, wenn sie das Wort glauben hören. In wissenschaftlichen Publikationen habe ich hierzu keine Hinweise gefunden. So habe ich begonnen, mich selbst umzuhören. Ich habe den Leuten eine ganz spezifische Frage gestellt. Ich habe auch kleinere schriftliche Umfragen, z.B. bei Studierenden gemacht. Insgesamt habe ich mittlerweile, teil schriftlich, teils mündlich, in etwa an die Tausend Rückmeldungen erhalten. Genau diese Frage stelle ich jetzt auch Dir:
„Was ist Deine allererste Assoziation, wenn Du das Wort Glaube hörst?“
HM: Lieber Hans-Ferdinand, Du hast mir letztes Mal eine Frage gestellt, die Du schon vielen Menschen gestellt hast: „Was ist Deine allererste Assoziation, wenn Du das Wort Glaube hörst?“ – Nun, ich nehme an, Du möchtest darauf eine ganz persönliche Antwort bekommen. Und so antworte ich jetzt auch – nicht unbedingt als Theologe, sondern nur – als Hermann Miklas. Während ich zu meiner Frau gerne sage: „Ich liebe dich!“ – so sage ich zu Gott gerne: „Ich glaube an dich!“ Für Gott verwende ich zwar ein anderes Wort, aber es ist von vergleichbarer Qualität. Beides ist eine Beziehungs-Aussage.
Dazu vielleicht kurz eine biographische Anmerkung. Ich bin in einer agnostischen Familie aufgewachsen. Getauft wurde ich (mit drei Jahren) nur aufgrund des letzten Wunsches meiner sterbenden Großmutter. Die darauffolgenden Jahre waren infolge einer schweren Suchterkrankung meines Vaters für mich sehr turbulent und herausfordernd. Da hatte ich das Glück, im Zuge des Konfirmandenunterrichts als 14-Jähriger das Bild von Gott als einem liebevollen väterlichen Begleiter vermittelt zu bekommen. Das war für mich eine Befreiungserfahrung ersten Ranges. Bis heute ist mein Glaube von der Erfahrung geprägt, mich „mit Gottes Hilfe“ von einschnürenden Bindungen lösen – und meinen eigenen Weg finden und gehen zu können. Erst viel später lernte ich, dass andere Menschen (insbesondere durch eine rigide religiöse Erziehung) oft ganz andere, viel belastendere Glaubenserfahrungen mitbringen. Dass das eine schwere Hypothek sein kann, verstehe ich. Aber für mich gilt bis heute: Glaube ist eine Vertrauensbeziehung zu Gott, die nicht einengt, sondern den eigenen Weg in Freiheit und Verantwortung fördert und unterstützt.
Nun bin ich jedoch sehr neugierig: In welche Richtung ist die Mehrheit der Antworten gegangen, die Du bekommen hast? Ließ sich dabei überhaupt ein gewisser Trend erkennen?
HFA: Deine Antwort, lieber Hermann, ist berührend. Danke für einen so persönlichen Einblick in Deine Lebensgeschichte. Ich bin überzeugt – und habe es in Workshops und Seminaren auch häufig erlebt -, dass viele Menschen ihren Glauben in einer so positiven und für alle Lebenssituationen tragbaren Weise erleben. Und dass dieser Glaube erst einmal wachsen musste. Ich nehme an, dass Du Ähnliches berichten kannst.
HM: Ja natürlich habe ich auch unzählige andere Menschen kennen gelernt, die mit Glaube sehr positive Erfahrungen verbinden. Viele, die davon berichten, dass ihnen ihr Glaube insbesondere in Krisensituationen die Kraft gegeben hat, mit ihren jeweiligen Herausforderungen besser umzugehen. Seien es berufliche Schwierigkeiten, medizinische Diagnosen, Beziehungsprobleme oder auch Sinnkrisen... Nicht alle können davon erzählen, dass sich ihr Problem nach intensiven Gebeten dann wie durch ein Wunder gleich vollständig aufgelöst hätte (obwohl es auch dafür Beispiele gibt), aber sehr viel öfter, dass es ihnen gelungen ist, besser und konstruktiver mit den Problemen umzugehen. – Besonders beeindruckt aber hat mich einmal ein junges Paar, die gemeint haben: „Für uns ist der Glaube nicht nur etwas für dunkle Zeiten, sondern gerade auch für Sonnentage; er vertieft unsere Lebensfreude, er hilft uns, Schönes aufmerksam wahrzunehmen, es aus vollen Zügen zu genießen und darüber dankbar zu werden.“
HFA: Wenn Menschen von solch positiven Erfahrungen berichten können, dann sind ihnen die Vorgänge abgelaufen, auf die wir gleich zu sprechen kommen. Aber, so positiv erleben aber nicht alle Menschen das Thema „Glauben“. Ich kenne Menschen, gerade auch in meinem engsten Bekanntenkreis, die ganz andere Erfahrungen mit ihrem Glauben und mit Gott gemacht haben und die bis heute darunter leiden. Manchen, vor allem älteren meiner Bekannten, hat man als Kind sehr früh Schuld- und Schamgefühle eingetrichtert, wenn man sie nicht sogar regelrecht eingebläut hatte. Ich habe das nicht erlebt, das erste Mal ist mir so richtig bewusst geworden, wie vergiftend „Glaube“ sein kann, als ich – vor nun schon lange zurückliegender Zeit – auf Tilman Mosers Buch „Gottesvergiftung“ gestoßen bin. Aber auch unter solch drastischen Umständen laufen bei Menschen jene Glaubensvorgänge ab, die wir Creditionen nennen.
HM: Ja, das ist wirklich schlimm! Ich vermute, wenn ich so etwas als Kind erlebt hätte, dann hätte ich mich als Erwachsener entschieden vom Glauben abgewandt. Und das haben viele Menschen ja auch tatsächlich getan. Ich verstehe das sehr gut. Um ehrlich zu sein: Mit solchen Menschen fühle ich mich letztlich mehr verbunden als mit den rigorosen Gralshütern eines dogmatisch-strengen Glaubensverständnisses. Und interessanterweise hat ja auch Jesus selbst am heftigsten gegen die allzu gesetzlichen Glaubensvertreter seiner Zeit gekämpft, während er in der Regel mit denen, die von der Norm abgewichen sind, recht gut konnte. – Es gibt allerdings auch noch eine dritte Gruppe von Menschen: Das sind solche, die in ihrer Jugend von Menschen mit einem zwar starken, aber nicht unsympathischen Glauben umgeben waren. Auch sie haben sich später oft von ihrem Kinderglauben distanziert. Distanzieren müssen. Aber viele von ihnen haben in höherem Alter dann angefangen, sich doch wieder mit Glaubensfragen zu beschäftigen. Es hat sie nie ganz losgelassen. Und dabei haben sie dann zu einer neuen, ganz eigenen Form des Glaubens gefunden.
HFA: Über solche positiven und negativen Erfahrungen könnten wir uns sicher lange austauschen. Aber Du willst ja etwas über unser Forschungsgebiet wissen. Deswegen werde ich Dir jetzt eine Beobachtung mitteilen, die ich häufig gemacht habe, wenn ich in Workshops beginne, einen Zugang zu unserer Forschung herzustellen. Es ist eine Beobachtung, die mit dem allersten Anfang einer Einführung zusammenhängt. Genauer gesagt ist es sogar eine doppelte Beobachtung.
Die erste ist, dass wir, dass vielleicht wir Menschen überhaupt, das „Wort“ glauben gerne inhaltlich füllen. Du sprichst z.B. von einem „Bild von Gott als einem liebevollen väterlichen Begleiter“. Und dieses schöne Bild lässt eine emotionale Beziehung entstehen. Eine, die trägt, die sich wandelt, Belastungen ausgesetzt ist, und dann aber doch immer wieder auch Kraft gibt.
Das ist die erste Beobachtung.
Eine zweite Beobachtung kommt daher, dass ich bei den Antworten auf diese meine Frage mir genauer angesehen habe, in welche Richtung die erste Assoziation geht. Diese Richtung ist bei Dir sehr eindeutig. Und sie gehört zweifellos zu unserer Gruppe Nr. 1.
HM: Was meinst Du mit „Gruppe 1“?
HFA: Zu Beginn unserer Forschungen hatte ich nur eine vage Vorstellung davon gehabt, was bei Menschen abläuft, wenn sie „glauben“ hören. Bald aber habe ich gemerkt, dass die Reaktionen sehr verschieden ausfallen können: Von Ablehnung über Zustimmung bis hin zu totaler Gesprächsverweigerung oder dem Entstehen von konfliktuösen Kommunikationssituationen. Wissenschaftlich habe ich keine befriedigenden Untersuchungen finden können, die mir darüber Aufschluss gegeben hätten, was Menschen allein mit dem Wort (!) „glauben“ alles verbinden. Als ich dann aber mehrere hundert Antworten gesammelt hatte (teils schriftlich, zum Großteil jedoch mündlich), habe ich versucht, diese Antworten zu ordnen. Dabei habe ich sie in drei Gruppen einteilen können: (1) Religion/Gott/usw., (2) Wissen, (3) anderes. Man konnte die Antworten also drei Körben zuordnen, das war in Workshops dann einfach umzusetzen.
HM: Ich ahne, worauf Du hinaus willst. Gott und Religion leuchten mir natürlich sofort ein, aber da gibt es offenbar ein noch viel größeres Spektrum. Was etwa verbirgt sich alles im Korb des „Wissens“?
HFA: Ich werde gleich auf den Korb „Wissen“ eingehen. Doch zuvor muss ich doch noch etwas beim Korb „Gott/Religion“ bleiben. Es hat mich einerseits nicht überrascht, aber dann war ich doch auch wieder erstaunt, wie deutlich der Vorsprung dieses Korbes war. Ich denke, es waren so um die 60 bis 65 Prozent. Ob die statistischen Zahlen in einer empirischen Untersuchen tatsächlich bestätigt würden oder nicht, war mir damals nicht so wichtig. Ich war ja nicht in erster Linie an einer wissenschaftlich tragfähigen Statistik interessiert, sondern mich hat einfach interessiert, welche Assoziationen in unserer Gesellschaft wirksam sind. Übrigens, nur am Rande, inzwischen gibt es tatsächlich eine große, kulturübergreifende Untersuchung, an der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedlicher Religionen teilgenommen haben. Sie stammten aus den vereinigten Staaten, Ghana, Thailand, China und aus Vanuatu. Das Ergebnis ist noch eindeutiger und unser Korb „Religion“ wäre noch besser gefüllt.
HM: Dass der Themenbereich „Gott/Religion“ in anderen Kulturkreisen dominiert, verwunderte mich nicht so sehr. Der Bedeutungsverlust von Religion ist zwar nicht nur, aber doch sehr stark ein europäisches Phänomen. Aber auch bei uns wird zumindest der Begriff „Glaube“ meist noch in Zusammenhang mit religiösen Themen verwendet. Die Aussage „Ich glaube, dass morgen schönes Wetter sein wird“ ist zwar umgangssprachlich weit verbreitet, aber niemand würde auf die Idee kommen, das mit dem Substantiv „Glaube“ in Verbindung zu bringen. Und auch der in therapeutischem Zusammenhang, etwa im Kontext von Familienaufstellungen, zunehmend in Gebrauch gekommene Begriff der „Glaubenssätze“ (im Sinn von unreflektiert übernommenen Überzeugungen) ist derzeit noch zu sehr fachbezogene Insider-Sprache, als dass er statistisch eine große Rolle spielen würde. – Nun würde mich aber doch der zweite Korb, der Korb „Wissen“ noch etwas genauer interessieren.
HFA: Gerne antworte ich Dir natürlich auch darauf. Im Korb 2 finden sich Antworten wie: „Wer nichts weiß, muss glauben“, „Glauben ist etwas für solche, die nicht nachdenken können oder wollen“, oder „Wer glaubt, ist dumm“. Mir haben Freunde, die in seinerzeit in der DDR lebten und regelmäßig Gottesdienste besuchten, erzählt, dass man ihnen gesagt. „Man braucht Euch gar nicht bekämpfen. Wenn sich erst mal das sozialistische Wissen überall verbreitet hat, dann wird sowieso niemand mehr glauben“.
HM: Ah ja, das ist dann sozusagen die Negativfolie des religiösen Glaubensbegriffs. Man bleibt zwar im religiösen Bereich, betont dabei aber die Tatsache, dass man über Transzendentes keine sicheren Aussagen machen kann. Und wenn man böswillig ist, kann man das dann natürlich auch gleich für eine generelle Abwertung oder sogar Ablehnung von „glauben“ nutzen. – Was dabei interessanterweise jedoch völlig unter den Tisch fällt, ist die inhaltliche Nähe von „Glaube“ und „Vertrauen“, also die emotionale Komponente, die ja im Neuen Testament eine große Rolle spielt, da im Griechischen „glauben“ und „vertrauen“ durch dasselbe Wort repräsentiert werden. Der Kontrast zwischen „Glaube“ und „Wissen“ reduziert sich also nur auf die kognitiven Ebene.
HFA: Da wird es jetzt tatsächlich spannend. Der Vertrauensaspekt des griechischen Verbs πιστεύειν (pisteuein: glauben) ist bei der Übersetzung ins Lateinische credere (glauben) weitgehend verloren gegangen. Auf dieses Thema müssen wir später nochmals zurückkommen. Bei unseren Umfragen wurde das Stichwort „Vertrauen“ relativ selten genannt, deswegen haben wir es in den dritten Korb gelegt. Doch zunächst möchte ich noch beim zweiten Korb „Glauben-Wissen“ bleiben und die Frage stellen: Wieso kommen manche Menschen bei Stichwort „glauben“ überhaupt auf „Wissen“? Wenn man sich das überlegt, dann muss man einen Blick zurück in die Geschichte richten – genau genommen muss man rund zweieinhalb Jahrtausende zurückgehen in die Blütezeit der klassischen griechischen Antike. Dort wird man auf die beiden großen Philosophen Platon und Aristoteles stoßen.
HM: Die beiden war ja eng verbunden miteinander: Lehrer (Platon) und Schüler (Aristoteles), aber wohl auch Freunde. Und beide hatten Interesse, sich mit der Glaubensthematik zu beschäftigen.
HFA: Ja genau. Mir ist an dieser Stelle vor allem wichtig darauf hinzuweisen, dass es geradezu ungeheuerlich ist, dass sie damals überhaupt auf die Idee kamen, das Wort „glauben“ bzw. „Glaube“ [in der griechischen Fassung also πιστεύειν (pisteuein: glauben) und πίστις (pistis: Glaube)] als so wichtig anzusehen, dass sie sich darüber tiefgreifende Gedanken machten und herausfinden wollten, was damit denn gemeint sein könne.
HM: Das ist in der Tat bemerkenswert. Aber dabei ist auffällig, dass sie sich an mindestens einem Punkt ganz wesentlich voneinander unterscheiden: Während bei Platon zuerst die Idee da ist, die sich dann später konkretisiert bzw. materialisiert, sieht es Aristoteles genau umgekehrt. Er geht immer von der vorfindlichen, konkreten Wirklichkeit aus, und sucht dann erst auf der Meta-Ebene die Idee dahinter. Sprichst Du das an? – Aristoteles war also der Pragmatischere, der immer das beweisbare „Wissen“ auf seiner Seite hat. Und seine Sicht der Dinge hat sich in unserer Welt des 20. Jahrhunderts weitgehend durchgesetzt.
HFA: Ja, so kann man das wohl sagen. In der westlichen Philosophie ist man heute weitgehend der Meinung, dass die Zeit für die „großen“, d.h. umfassenden Erzählungen vorbei sei und wir bei empirischen Einzelbefunden hängen bleiben. Doch gerade damit stoßen wir auf das wichtige Problem: Wie verhalten sich glauben und wissen zueinander? In unserer Kultur sieht es wohl häufig so aus, dass man entweder etwas weiß oder es nicht weiß. Und dann muss man es glauben – oder man glaubt es eben nicht. In technischen Zusammenhängen mag dieses „entweder – oder“ häufig stimmen. Wenn man bei einem Auto auf das Gaspedal drückt, fährt es schneller, beim Treten auf das Bremspedal wird es langsamer. Aber auch in der Naturwissenschaft ist es so, dass es jede Menge „veraltetes Wissen“ gibt. Ansonsten bräuchte man ja keine Forschungsgelder für „neues“ Wissen auszugeben. Und wie war das mit den Menschen früherer Zeiten? Wenn die etwas wussten, das man heute als veraltetes Wissen ansieht, haben die dann tatsächlich etwas gewusst – oder haben sie nur geglaubt, dass sie etwas wissen? Beispielsweise weiß man erst seit der Entdeckung von Bakterien, dass sie es sind, die Krankheiten verursachen, ja sogar Epidemien auslösen können.
HM: Interessante Frage: Wie ist es in diesem Kontext tatsächlich zu beurteilen, wenn Menschen geglaubt haben, etwas zu wissen – was zwar dem Forschungsstand der jeweiligen Zeit entsprach, aber dem heutigen Stand des Wissens nicht mehr entspricht? War das dann Glaube (im weitesten Sinn)?
HFA: In gewisser Weise ja. Wir halten etwas für Wissen, weil wir glauben, dass wir etwas wissen. Eine philosophische Standard-Definition von Wissen ist: Wissen ist gerechtfertigter wahrer Glaube. Vielleicht klingen solche Gedanken wie Spitzfindigkeiten. Das sind sie aber nicht. Nicht nur, dass sich ein großes Fachgebiet der Philosophie, die sogenannte Epistemologie oder Erkenntnislehre, damit beschäftigt. Auch im Alltag kann es passieren, dass wir geglaubt haben, etwas ganz sicher zu wissen – und dann stellt sich heraus: so war es nicht. Überlegungen zum Verhältnis Glaube und Wissen spielen bis hinein in den Bereich der Künstlichen Intelligenz eine Rolle. Etwas flapsig gefragt: „Glaubt“ ein selbstfahrendes Auto, dass das dunkle Etwas rechts vorne ein Mensch ist, der sich bewegen kann, oder weiß es das?
HM: Uff! Der Verweis auf die Künstliche Intelligenz macht jetzt ein weiteres großes Feld auf, ein riesiges sogar. Ob das weiter hilft? – Spontan würde ich sagen: KI kann nur erfahrungsbasiert agieren, es registriert den dunklen Fleck, klappert in Bruchteilen von Sekunden alle bisher bekannten Möglichkeiten ab, wie gefährlich ein solcher dunkler Fleck sein kann, und trifft auf dieser Grundlage eine Entscheidung. Aber KI glaubt gar nichts, sondern berechnet lediglich die statistische Wahrscheinlichkeit.
HFA: Du hast schon Recht, ich will das Ganze jetzt nicht übertreiben. Aber einen wichtigen dritten Punkt muss ich doch noch sagen: Menschen, die „glauben“ mit Religion assoziieren, müssen eine viel größere Hürde überwinden, wenn sie einen Zugang zu unserer Forschung bekommen wollen, als Menschen, die in erster Linie an das Verhältnis von „glauben“ und „wissen“ denken. Unsere Forschung zu Creditionen hat zwar ihren allerersten Ursprung im Bereich der universitären Religionspädagogik, doch sie hat bislang keinen Eingang in unsere fachwissenschaftlichen Debatten gefunden. Du bist da eine echte Ausnahme, weil Du Dich als Theologe für diese unseren inneren Vorgänge interessierst. Sie sind ja tatsächlich maßgeblich daran beteiligt, dass und vor allem welcher Glaube entsteht. Und das gilt auch für unseren religiösen Glauben. Falls das Thema eines Tages doch auch in Kirche und Theologie auf Interesse stoßen sollte, dann wirst Du zu den ersten Wegbereitern gehören.
HM: Nun ja, glaubst du das wirklich zu wissen? Oder glaubst du es einfach? Oder hoffst du es vielleicht gar nur? – Doch Spaß beiseite: Wollen wir jetzt einmal noch nicht zu weit in die Zukunft blicken... – Das andere jedoch, was Du hier anmerkst, kann ich nur bestätigen: Sobald ich in den letzten Wochen Menschen von Eurem Projekt erzählt habe, fand ich großes Interesse bei Menschen, die normalerweise nicht viel mit Religion zu tun haben, aber ebenso große Skepsis bei religiösen Menschen. Das fand ich sehr interessant.
Wir freuen uns, wenn Sie auch weiterhin an unseren Gesprächen interessiert sind.
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Betreff: Tischgespräche
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